Dörfliche Nachbarschaft

Über den Zusammenhang von Fortschritt und Zwischenmenschlichem

Was zeichnet das Leben miteinander in dörflichen Strukturen aus? Was hat der Fortschritt in den letzten rund 100 Jahren verändert? Welchen Einfluß hat die Randlage dabei? Diesen Fragen widmet sich das zwischen Ethnographie und Kunst angelegte Forschungsprojekt "dörfliche Nachbarschaft". Die Funde und Erkenntnisse wurden in Form von fünf Grafiken und einem begleitenden Projektheft ausgearbeitet, damit es möglich wird, sich Bilder von nachbarschaftlichen Beziehungen zu machen.


Für die Inspiration, die „dörflichen Nachbarschaften“ zu erkunden, sorgte ein Wiener Beamter. Joseph Kyselak, der im Jahre 1825 auf seiner Fußreise durch Österreich Tirol erkundete, war von der Menschlichkeit der Menschen an den Rändern der Zivilisation beeindruckt. An so mancher Stelle seiner Aufzeichnungen preist er die Qualitäten der kleinen abgelegenen Gemeinschaften am Lande. Durch die Gegenüberstellung zum Moloch der Städte legt der Wanderer nahe, dass der Abstand zu Tempo und Dynamisierung den Menschen irgendwie gut tut. Als gegenwärtiger Betrachter muss man feststellen, dass sich seit damals der Fortschritt doch eher in Richtung Beschleunigung und Wachstum entwickelt hat, der Aspekt mit der Menschlichkeit jedoch nicht ganz so ernsthaft verfolgt wurde. Aktuell ist die Peripherie das Terrain von Regionalentwicklern und Erholungssuchenden; wobei sich diese durch ihre Herangehensweisen von den eigenen Zielen oftmals entfernen.

Deshalb und da Gewinnmaximierung und Wachstum keine Ziele für die Ewigkeit sind, widmet sich dieses Werk der Frage: Wie wollen wir zusammen leben? Kyselak verwies für Antworten auf die Peripherie und kleinere menschliche Gemeinschaften. In seinen Skizzen erwähnte er dabei direkt die Tiroler Dörfer Gries im Sulztal, Lanersbach in Tux und Ranalt im Stubaital und im 'Vorbeigehen' das O-Dorf in Innsbruck. Deshalb wurden diese vier Orte für das Projekt ausgewählt, um den Elementen des Lebens in dörflichen Nachbarschaften auf den Grund zu gehen.


Die Orte der besuchten Nachbarschaften

Karte mit den Dörfern des Projektes

Recherche, Gespräche, Auswertung, ... der Prozess

Jeder der Orte wurde für vier Tage besucht. Jeder der Orte liegt in Tirol. Damit hört es sich auch mit den Gemeinsamkeiten fast schon auf, wenn man genauer hinschaut.
Hier eine Chronologie des "Genauer-Hinschauens", des Forschungsprozesses:

Visualisierung des Forschungsprozesses

Die Form der Ergebnisse

Hier in Verwendung als Ausstellung für einen Wirtshaustisch

Dörfliche Nachbarschaft als Ausstellung für den Wirtshaustisch

mit den dörferübergreifenden Themen als Beispiel

Plakat mit allgemeinen Themen der dörflichen Nachbarschaften

Wie sich Plakate und Projektheft ergänzen; über Verweisnummern am Plakat finden sich Zitate und Quellenangaben im Heft.

Zusammenspiel von Plakaten und Projektheft

Herangehensweise – Überlegungen

Die Erkenntnisse der Erkundungen in den Dörfern präsentieren sich auf fünf Grafiken und in einer begleitenden Broschüre. Eine Grafik zeigt dorfübergreifenden allgemeinen Themen, die vier restlichen widmen sich jeweils einem der vier Orte des Projektes. Alle fünf präsentieren knapp und reduziert die Themen der Nachbarschaften, mit der Absicht einen Überblick zu ermöglichen. Für die Vertiefung kommt die Broschüre ins Spiel. Verweise in den Grafiken bringen Sie zu Passagen aus Gesprächen, Zeitungsartikeln usw., die Hintergründe liefern. Zudem führen die Verweise auch zu den Quellen, damit Sie auch selbst weiterforschen können.
Die Wahl dieser Darstellung der Ergebnisse, hat mehrere Gründe. Es entsteht eine Erzählung, die nicht linear ist. Die Themen wurden zwar bewusst ausgewählt, ergeben aber durch das Nebeneinander keine vorgefertigte Argumentationslinie. Die Verbindungen der Inhalte und damit die Gedankengänge ergeben sich mit dem Betrachten. Auch ermöglicht dieses Nebeneinander der Aspekte den Vergleich; manches überschneidet sich, anderes vermisst man. Im Idealfall entsteht so ein Gefühl für historische und gegenwärtige „dörfliche Nachbarschaft“ - und nicht eine Überzeugung "So war es!". Und noch etwas ermöglicht diese Form der Publikation hoffentlich: Ein gemeinsames Betrachten und Erschließen der Themen, zum Beispiel am Wirtshaus- oder Stubentisch, da nicht jeder für sich liest, sondern man gemeinsam schauen kann.



Texte, Berichte, Artikel, ... über das Projekt

Richard Schwarz: Bildermachen von fortgeschrittener Nachbarschaft

Der Vortrag im Rahmen des Momentum Kongress 2013 bietet Vorüberlegungen und Einblicke in den Prozess des 'Abbildens' im Rechercheprozess und der Ausarbeitung der Ergebnisse; die Textversion steht zum Download auf der Website des Kongresses zur Verfügung.


Richard Schwarz: Dörfliche Nachbarschaft

Der Artikel – im Untertitel "Zwischenmenschliches zwischen Einst und Jetzt" – schildert Prozess und Ergebnis des Projektes mit Fokus auf Lanersbach/Tux, da er für die Tuxer Prattinge (= Tuxer Zeitung) geschrieben wurde und in deren Ausgabe Frühjahr 2014 erschien. Die Prattinge steht online als pdf zur Verfügung und der Text findet sich auf S.23f.


Alexandra Bröckl: Dörfliche Nachbarschaft - Über Formen menschlichen Zusammenlebens

Der von Alexandra Bröckl gestaltete Radiobeitrag bietet Einblicke in die künstlerisch-ethnologische Forschung zum Zwischenmenschlichen im Dorf von damals und heute. Ausgestrahlt wurde der Beitrag im Rahmen der Sendereihe Ethnoskop am 29.5.2014 und kann über das Cultural Broadcasting Archive CBA nachgehört werden.


Zukunftsorte.at: Idee des Monats

Die online-Plattform der Zukunftsorte – eine Gruppe ländlicher Gemeinden, die modernes Landleben leben – präsentierte das Projekt als "Idee des Monats" und sieht darin ein Beispiel für zeitgemäße Dorfchroniken.



Heimgärten (Hoagorten) als (vergangene) Treffpunkte -

Gries im Sulztal, 14.9.2014

Heimgarten Gries

Gries im Sulztal, 14.9.2014

Heimgarten Gries

Gries im Sulztal, 14.9.2014

Heimgarten Gries

Gries im Sulztal, 14.9.2014

Heimgarten Gries

Lanersbach, Tux, 20.8.2014

Heimgarten Lanersbach

Lanersbach, Tux, 20.8.2014

Heimgarten Lanersbach

Lanersbach, Tux, 20.8.2014

Heimgarten Lanersbach

Lanersbach, Tux, 20.8.2014

Heimgarten Lanersbach

O-Dorf, Innsbruck, 9.9.2014

Heimgarten O-Dorf

O-Dorf, Innsbruck, 9.9.2014

Heimgarten O-Dorf

O-Dorf, Innsbruck, 9.9.2014

Heimgarten O-Dorf

O-Dorf, Innsbruck, 9.9.2014

Heimgarten O-Dorf

Ranalt, Stubai, 21.8.2014

Heimgarten Ranalt

Ranalt, Stubai, 21.8.2014

Heimgarten Ranalt

Ranalt, Stubai, 21.8.2014

Heimgarten Ranalt

Ranalt, Stubai, 21.8.2014

Heimgarten Ranalt

Wege, um sich über den Weg zu laufen -

Gries im Sulztal, 14.9.2014

Weg in Gries

Gries im Sulztal, 14.9.2014

Weg in Gries

Gries im Sulztal, 14.9.2014

Weg in Gries

Gries im Sulztal, 14.9.2014

Weg in Gries

Lanersbach, Tux, 20.8.2014

Weg in Lanersbach

Lanersbach, Tux, 20.8.2014

Weg in Lanersbach

Lanersbach, Tux, 20.8.2014

Weg in Lanersbach

Lanersbach, Tux, 20.8.2014

Weg in Lanersbach

O-Dorf, Innsbruck, 9.9.2014

Weg in O-Dorf

O-Dorf, Innsbruck, 9.9.2014

Weg in O-Dorf

O-Dorf, Innsbruck, 9.9.2014

Weg in O-Dorf

O-Dorf, Innsbruck, 9.9.2014

Weg in O-Dorf

Ranalt, Stubai, 21.8.2014

Weg in Ranalt

Ranalt, Stubai, 21.8.2014

Weg in Ranalt

Ranalt, Stubai, 21.8.2014

Weg in Ranalt

Ranalt, Stubai, 21.8.2014

Weg in Ranalt

Eine Gegenüberstellung der "Hauptplätze" in den Dörfern


7 Minuten um 12 Uhr in vier verschiedenen Dörfern


7 Minuten um 19 Uhr in vier verschiedenen Dörfern


Betrachtungen im Rückblick, ein Resümee

Ein paar allgemeine Gedanken in Reaktion auf das Gehörte, Gesehene und Erlebte in den Dörfern.


Wirtschaft, als etwas, wo man sich trifft

Denken wir an Wirtschaft als ein Variante der Beziehungen zwischen Menschen. Ich gebe dir und du gibst mir und danach haben wir beide mehr. Aktuell hat Wirtschaft dieses Potential in weiten Bereichen verloren. Selber machen, mit der eigenen finanziellen Kraft, steht im Vordergrund und damit befindet sich der Einzelne in einer Art Scheinunabhängigkeit, einer entfremdete Abhängigkeit. Ein direktes Beispiel sind der Verlust der Kleinkraftwerke an jedem Ort; der Strom wird nun extern produziert - womöglich mit dem eigenem Wasser. Ein indirektes Beispiel ist das Abhandenkommen der Arbeiten im Dorf. Was für's Leben gebraucht wird, verdienen sich die Leute außerhalb (Pendler) oder mit Außen (Tourismus). Die Abhängigkeiten, im Sinne des Aufeinander-Angewiesen-Seins, innerhalb des Dorfes wurden mit Abhängigkeiten außerhalb des Dorfes eingetauscht; und Geld dient dabei als Austauschmittel - Geld als verdinglichte Schuld von ... ja von wem? Die gegenseitigen sozialen 'Schulden' nahmen ab, die finanziellen zu. Wenn von Fortschritt die Rede ist, stellt sich hier die Frage, wieviel wir weitergekommen sind, wenn wir soziales/immaterielles Kapital gegen materielles Kapital (Geld) ausgetauscht haben?


Was am Ende bleibt

Neue Nachbarschaften zeichnen sich ab; und sie könnten nachbarschaftlicher als die bisherigen werden. Viele sind auf sich selbst zurückgeworfen und suchen als Einzelne Anschluss an Andere. Dafür könnte womöglich Nachbarschaft, wie sie sich in früheren Formen zu erkennen gibt, wiederentdecken werden, wenn es darum geht, sein Umfeld selbstbestimmt zu gestalten und Abhängigkeiten wieder lokaler zu denken - ohne damit aber alte Zustande herauf zu beschwören. Speziell im Falle der Tiroler Dörfer drängt sind dabei ein weiterer Aspekt auf. In vielen Dörfern sind sich Einheimischer und Gast oft die nächsten Nachbarn. Würde nun dieses Verhältnis auch als Nachbarschaft gesehen, könnten ein gemeinsames Interesse am Ort enststehen. Allerdings müsste dafür wohl der Pfad der Nächtigungszahlenmaximierung verlassen werden; und betrachtet man den finanzielle Gewinn, der stagniert, und den sozialen Verlust, sollte auch das eine Überlegung wert sein.


... Weiteres findet sich im Projektheft.



Die Beteiligten am Projekt


Alexandra Bröckl, geboren 1985 in Innsbruck, lebt in Wien, Studium der Europäische Ethnologie (Universität Innsbruck) und arbeitet derzeit als Assistentin der Geschäftsführung bei der Akademie des Österreichischen Films. (Recherche und Interviews; O-Dorf)


Albert Frisch, geboren 1984 in Kufstein, lebt in Innsbruck, Studium der Physik (Universität Innsbruck) und arbeitet aktuell als Doktoratsstudent am Institut für Experimentalphysik. (Audio- und Fotodokumentation; Lanersbach, O-Dorf, Ranalt)


Richard Schwarz [Projektleitung], geboren 1984 in Wörgl, lebt in Wien, Studium der Europäische Ethnologie (Universität Innsbruck) und Art & Science (Universität für Angewandte Kunst Wien) und ist derzeit tätig als Medienkünstler und freischaffender Kulturanthropologe. (Organisation, Recherche, Interviews, Redaktion, Gestaltung; Gries, Lanersbach, O-Dorf, Ranalt)


Helena Wimmer, geboren 1981 in Kirchdorf, lebt in Wien, MultiMediaArt-Studium an der FH Salzburg und ist derzeit tätig als Artdirektorin und Fotografin, www.studiodeluxe.at. (Grafikdesign)



Das Stellen der Fragen, das Auswerten der Antworten und die Publikation wurde ermöglicht durch die Unterstützung von
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